Büsdorf 927 – Erste urkundliche Erwähnung
Ortsgeschichte Büsdorf · Bergheim

Büsdorf wird zum ersten Mal urkundlich erwähnt

Urkunde des Kölner Erzbischofs Wichfried vom 29. Juli 927 — erste schriftliche Nennung als „Bozilesthorpe“
927 n. Chr. Latein Original erhalten
Aussteller
Erzbischof Wichfried
Erzbistum Köln
Datum
29. Juli 927
Frühes Mittelalter
Empfängerin
Schwestern d. hl. Jungfrauen
Kirche in Köln
Historischer Ortsname
Bozilesthorpe
= heutiges Büsdorf
Wer war Erzbischof Wichfried?
Wichfried (auch: Wigfried) war von 924 bis 953 Erzbischof von Köln und damit einer der mächtigsten Kirchenfürsten im ostfränkischen Reich. Er amtierte in einer politisch bewegten Zeit — dem frühen 10. Jahrhundert, in dem das Heilige Römische Reich unter König Heinrich I. und später Otto dem Großen seine Form fand. Als Erzbischof von Köln verwaltete Wichfried nicht nur eine der bedeutendsten Diözesen des Reiches, sondern verfügte auch über umfangreichen Landbesitz, den er nach eigenem Ermessen vergeben und verschenken konnte.
Die Schwesterngemeinschaft der hl. Jungfrauen
Die Empfängerinnen der Schenkung waren fromme Frauen, die an der Kirche der heiligen Jungfrauen vor den Toren der damaligen Stadt Köln lebten. Solche Frauengemeinschaften — Vorgängerinnen späterer Klöster — widmeten ihr Leben dem Gebet und der religiösen Praxis. Sie lebten jedoch häufig in materieller Not, da sie auf Schenkungen und Einkünfte aus Landbesitz angewiesen waren. Genau hier setzte Wichfried an: Mit seiner Schenkung wollte er sicherstellen, dass die Frauen ihre spirituelle Aufgabe ohne materielle Sorgen erfüllen konnten.
Gebet als Gegenleistung
Die Urkunde beschreibt, dass Wichfried durch göttliche Erleuchtung zur Schenkung bewogen wurde. Hinter dieser frommen Formel steckt ein handfestes mittelalterliches Prinzip: Wer fromme Gemeinschaften mit Gütern ausstattete, erkaufte sich damit deren Fürbittgebet. Die Schwestern sollten durch die gesicherten Einkünfte nicht mehr um ihr tägliches Brot kämpfen müssen — und dafür umso mehr und inbrünstiger beten. Für einen mächtigen Kirchenfürsten wie Wichfried war dies zugleich ein Akt der Frömmigkeit und eine Investition in sein eigenes Seelenheil. Die Schenkung erfolgte mit ausdrücklicher Zustimmung seiner getreuen Geistlichen und Laien, also des Klerus und des weltlichen Adels, die als Zeugen auftraten und die Rechtmäßigkeit des Aktes beglaubigten.
Kirche der hl. Maria bei Büsdorf
Die Marienkirche in der Nähe von Büsdorf (Bozilesthorpe) war zum Zeitpunkt der Schenkung im Besitz eines Priesters namens Ruotbert. Da Wichfried sie nicht einfach während dessen Lebzeiten entziehen wollte, formulierte er die Übertragung als aufgeschobene Schenkung: Die Kirche sollte erst nach dem Tod des Presbyters Ruotbert an die Schwesterngemeinschaft fallen. Bis dahin hatte Ruotbert das Recht, die Kirche weiter zu nutzen und ihre Einkünfte zu beziehen. Mit dem Übergang an die Schwestern gingen auch alle Ländereien, Gebäude und sonstigen Rechte — das sogenannte Zubehör — auf sie über.
Kirche des hl. Desiderius
Ebenfalls in der Nähe von Büsdorf lag die Kirche des heiligen Desiderius, die zusammen mit beträchtlichem Landbesitz verschenkt wurde: 60 Morgen Land — das entspricht etwa 15 Hektar oder rund 21 Fußballfeldern — sowie eine halbe Hufe in Niehl, einem Ort am Rhein nördlich von Köln. Dieser Landbesitz lieferte der Gemeinschaft direkte Einnahmen aus Pacht und landwirtschaftlicher Nutzung.
Drei Diensthufen in Waldorf und Longerich
Zwei der drei Diensthufen lagen in Waldorf, die dritte in Longerich. Diese Hufen waren an Bauern verpachtet, die im Gegenzug jährlich insgesamt 14 Solidi Pacht zu entrichten hatten. Hinzu kamen 5 Denare, die die Diener dort jährlich zur Messe des heiligen Martin zahlen mussten — eine kleine kirchliche Abgabe, die der religiösen Bindung der Pächter Ausdruck verlieh. Die Diensthufen stellten eine verlässliche, regelmäßige Einkommensquelle dar, über die die Schwestern langfristig verfügen konnten.
Weinberge, Wald und weitere Güter
Der Umfang der Schenkung war bemerkenswert weiträumig: Sechs Weinbergsanteile bei Remagen am Rhein, 2½ Arpent Weinland in Guntersblum in Rheinhessen, ein Waldstück bei Waldorf mit dem Recht, dort 20 Schweine zur Mast einzutreiben, sowie eine halbe Hufe bei Jülich. Wein war im Frühmittelalter ein wertvolles Gut — sowohl für den Eigenbedarf der Gemeinschaft als auch für den Handel. Waldrechte mit Schweinemast (Panage) gehörten zu den wertvollsten Ressourcen einer mittelalterlichen Grundherrschaft. Wichfried bestätigte am Ende der Urkunde ausdrücklich, dass all dies aus seinem persönlichen Eigenbesitz stamme — „ex nostro“ — und somit rechtmäßig in seinem Verfügungsrecht lag.
Bozilesthorpe → Büsdorf
Der Name setzt sich aus einem fränkischen Personennamen und dem germanischen Begriff für eine kleine Siedlung zusammen.
Erste Silbe
Bozile-
Fränkischer Personenname
Zweite Silbe
-thorpe
Kleine Siedlung / Weiler
„Thorpe“ ist ein germanisches Wort für kleinen Weiler — bedeutungsgleich mit „-dorf“. Der lateinische Begriff „villa“ in der Urkunde meint dasselbe: ein Landgut mit Siedlung.
29. Juli 927
Erzbischof Wichfried von Köln stellt die Urkunde aus. Büsdorf wird als „Bozilesthorpe“ erstmals schriftlich erwähnt.
1135
Erste Urkunde des Ortes selbst. Büsdorf erscheint als „Bodstorp“ — Lautverschiebung des Namens.
1159
Urkunde der Äbtissin Gepa: Ort heißt „Bosetorp“. Päpstliche Erwähnung folgt.
1593
Päpstliche Urkunde: Ort heißt nun „Bustorp“.
Ab 18. Jahrhundert
Die heutige Schreibweise „Büsdorf“ setzt sich durch und bleibt bis heute erhalten.

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Flächenmaß
Im Rheinland ca. 2.500 m² — ein Viertel Hektar. In der Urkunde: 60 Morgen ≈ 15 ha ≈ 21 Fußballfelder.
Besitzeinheit30–60 Morgen
Ca. 7–15 Hektar. Die halbe Hufe in Niehl wäre ca. 3,5–7 ha.
Weinbaumaß
Ca. 2.100–5.100 m². 2½ Arpent in Guntersblum ≈ 0,5–1,3 ha.
Hohlmaßca. 150–200 Liter
Päffgen zahlte 1794 jährlich 20 Malter Weizen, 40 Malter Roggen und 30 Malter Gerste.
= 12 Denare
1 Solidus ≈ Lohn für 1–3 Arbeitstage. Die 14 Solidi Jahrespacht ≈ 2–6 Wochengehälter.
1/12 Solidus
Die 5 Denare zur Messe des hl. Martin ≈ ein halber Tageslohn.
16.–19. Jahrhundert
Die Äbtissin spendete 1762 20 Reichstaler. Pastor Krosch nahm 700 Taler Darlehen auf.
1 Franc = 100 Centimes
1810 kauften Päffgens den Fronhof für 43.000 Franken.
Kirchenamt
Priester einer Gemeinde. Presbyter Ruotbert besaß die Marienkirche — nach seinem Tod fiel sie an die Schwestern.
Grundbesitz
Vom Grundherrn selbst bewirtschafteter Kernbesitz — im Gegensatz zu verpachteten Hufen.
Abgabenpflichtig
Hufe mit Abgabenpflicht. In der Urkunde: 2 in Waldorf + 1 in Longerich, jährlich 14 Solidi.
Siedlungsbegriff
Im frühmittelalterlichen Latein ein Landgut mit Siedlung. „Villa Bozilesthorpe“ = Dorf/Gut Büsdorf.
Rechtsformel
Formelhafte Schlusswendung in Schenkungsurkunden. Bestätigt rechtmäßiges Eigentum.
Kirchenbegriff
Nicht-Geistliche. Wichfried handelt mit Zustimmung seiner „Geistlichen und Laien“.
Althochdeutsch „thing“ = Versammlung. Das Büsdorfer Gericht erscheint als „Dingstuhl Büsdorf“.
Der Eigentümer erhielt die „zweite Garbe“. Im Büsdorfer Kontext: Pächter des Fronhofs und anderer Höfe.
Lat. maior = der Vorsteher. Verwaltete den Fronhof im Auftrag des St. Ursula-Stifts.
Die Mairie Hüchelhoven (1801) umfasste Hüchelhoven, Rheidt, Büsdorf, Fliesteden und Glessen.
Lat. „Schulmeister“. Erteilte Unterricht in Kirchengesang, Lesen und Schreiben. 1707 in Büsdorf.
Im Kulturkampf (1873–1888) mit Berufsverbot belegt. Pastor Lindecke hielt dennoch heimlich Messen.
Entwertete Papierscheine. Rheinländer mussten sie unter Strafandrohung annehmen.
Mittellateinisch pasnagium. Recht, Schweine im Wald zur Eichelmast einzutreiben. 927: Waldstück bei Waldorf für 20 Schweine.
Gebündeltes Getreide. Beim Halbwinner-System erhielt der Eigentümer „die zweite Garbe“.
1 Morgen
≈ 0,25 ha
½ Fußballfeld
1 Hufe
≈ 12 ha
mittlerer Hof
60 Morgen
≈ 15 ha
≈ 21 Fußballfelder
1 Solidus
12 Denare
≈ 1–3 Tageslöhne
Gerichtstyp
Zivilgericht
kein Strafgericht
Zuständigkeit
Herrlichkeit Bedburg
eines von drei Gerichten
Ursprünglicher Ort
Rheidt / Hüchelhoven
13. und 14. Jahrhundert
Verlegung nach Büsdorf
15. Jahrhundert
dort bis ins 18. Jh.
Drei Gerichte in der Herrlichkeit Bedburg
In der mittelalterlichen Herrlichkeit Bedburg gab es insgesamt drei Gerichte. Eines davon tagte zunächst im 13. und 14. Jahrhundert in Rheidt — zuweilen auch in Hüchelhoven. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurde dieses Gericht nach Büsdorf verlegt, wo es bis ins 17. und 18. Jahrhundert nachweisbar ist. Über seine Rechtsprechung berichten uns vor allem Urkunden und Protokollbücher aus dieser späteren Zeit.
Aufbau und Zusammensetzung
Das Gericht bestand aus dem Amtmann des Bedburger Grafen als Vorsitzendem sowie aus sogenannten „Scheffen“ — heute würde man „Schöffen“ sagen. Diese Scheffen waren angesehene, ältere Bewohner aus den zum Gerichtsbezirk gehörenden Orten Büsdorf und Hüchelhoven-Rheidt. Sie sprachen kein Berufsrecht, sondern verkörperten das lokale Gewohnheitsrecht und die Erfahrung ihrer Gemeinschaft.
Ein Gericht für den Alltag — kein Galgen
Das Büsdorfer Scheffengericht war ein reines Zivilgericht. Es schlichtete Streitfälle zwischen Bürgern, hatte aber vor allem beurkundende Aufgaben: Es genehmigte und beurkundete Landverkäufe, Bürgschaften und Testamente. Strafrechtliche Fälle hingegen — etwa Diebstahl, Körperverletzung oder schwerere Vergehen — fielen in die Zuständigkeit des „Haupt- und Stadtgerichts“ in Bedburg. Es ist daher auch nicht zutreffend, dass es in der Gemarkung Büsdorf einen Galgen gegeben haben soll. Für das Vorhandensein einer Richtstätte bei Büsdorf gibt es keinen urkundlichen Nachweis.
Namen des Gerichts in den Urkunden
In den erhaltenen Urkunden wird das Gericht unterschiedlich bezeichnet. Am häufigsten findet sich „Gericht zu Büsdorf“ oder „Dingstuhl Büsdorf“ — wobei „Dingstuhl“ auf den alten germanischen Begriff für die Gerichtsversammlung (Thing) zurückgeht. Zuweilen erscheint auch die Bezeichnung „Salmisches Gericht zu Büsdorf“. Worauf sich der Zusatz „Salmisch“ genau bezieht, ist nicht abschließend geklärt — möglicherweise auf die Herren von Salm-Reifferscheid, die im Raum Bedburg Einfluss besaßen.
Ein Löwe mit Rauten — das Siegel des Scheffengerichts
Eine Urkunde aus dem Jahr 1694 überliefert das jüngere Gerichtssiegel. Es zeigt einen nach links gewendeten, steigenden Löwen, unter dessen Vorderpranken sich sechs Wecken (Rauten) befinden. Die Umschrift des Siegels lautet: „Sigillum des Gerichts zu Büsdorf“. Das Motiv verbindet heraldische Elemente, die auf die Zugehörigkeit zu Bedburg und dem Grafenhaus hinweisen. Das Siegel wurde im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und zur Jahrtausendfeier 1928 als Medaillenmotiv neu gewürdigt.
Originalabdruck · Wachssiegel 1694
Originalabdruck Wachssiegel Büsdorfer Scheffengericht 1694
Originalabdruck des Wachssiegels von 1694 in rotem Siegellack. Umschrift: „Sigillum des Gerichts zu Büsdorf“
Jahrtausendfeier-Medaille · 927–1928
Medaille Jahrtausendfeier Büsdorf 927-1928
Medaille zur Jahrtausendfeier von Büsdorf 1928. Das Siegelmotiv wurde eigens für diesen Anlass verwendet — nach der Feier geriet es in Vergessenheit. Die St. Laurentius-Schützenbruderschaft bestand bis 2013.
Zugehörigkeit
Kurköln
Kurfürstentum Köln
Nachbar
Herzogtum Jülich
direkt an der Grenze
Grenzcharakter
Grenzdorf
unübersichtlicher Verlauf
Alltag
Grenze kaum spürbar
Heiraten, Glaube, Handel
Die Grafen von Bedburg als Standesherren
Die Grafen von Bedburg waren Standesherren im Kölner Kurfürstentum — dem Gesamtbereich, in dem die Erzbischöfe von Köln zugleich weltliche Herren waren. Der rheinische Teil dieses Staates war das Erzstift Köln, das wohl zu unterscheiden ist vom Erzbistum als kirchlicher Einheit. Die Erzbischöfe gehörten seit dem 13. Jahrhundert zu den sieben Kurfürsten des Reiches, die den König wählten. Dieses Vorrecht konnte manche Schwäche des wenig zusammenhängenden Staatsgebildes ausgleichen.
Leben unter dem Krummstab
„Unter dem Krummstab ist gut leben“ — so lautete ein verbreitetes Sprichwort der alten Zeit. Ob es den Untertanen in den geistlich regierten Herrschaften tatsächlich besser ging als in weltlichen Ländern, lässt sich nicht generell entscheiden. Man kann sich vorstellen, dass die geistlichen Herren milder regierten als ihre weltlichen Kollegen, zumal die Macht der Bischöfe durch die Mitregierung des Domkapitels und des Landtages eingeschränkt war. Doch eines darf man nicht vergessen: Die Bewohner des Erzstiftes, die nicht zu den bevorrechtigten Ständen — hoher Geistlichkeit und Adel — gehörten, waren Untertanen ohne Einfluss auf die Regierung des Landes.
Ein unübersichtlicher Grenzverlauf
Der Grenzverlauf zwischen dem Herzogtum Jülich und Kurköln war unübersichtlich und von historischen Zufälligkeiten bedingt. Mit Bergheim und dem Bergheimer Dorf gehörten Niederaußem, Oberaußem und Glessen zum Herzogtum Jülich. Die Grenzlinie verlief unmittelbar westlich von Asperschlag, von dort über den im vorigen Jahrhundert verschwundenen Hof Lapprath — der zwischen Büsdorf und Glessen lag — weiter nach Glessen. Büsdorf selbst gehörte zu Kurköln.
Was die Grenze im Alltag bedeutete
Ein Reisender, der von Bergheim aus nach Stommeln wollte, betrat in Büsdorf kurkölnischen Boden — verließ Kurköln aber schon wieder, wenn er in den kleinen Nachbarort Ingendorf einfuhr. Denn Ingendorf bildete zusammen mit Stommeln, Pulheim und Geyen eine Jülicher Insel im kurkölnischen Bereich. Diese Grenzziehung bedeutete im Alltag allerdings nicht viel: Die Menschen heirateten über die Grenzen hinweg und bekannten auf beiden Seiten denselben Glauben. Es gab sogar Pfarreien, die Orte auf kurkölnischem und jülichem Gebiet zugleich umfassten — so zum Beispiel die Nachbarpfarre Sinthern, zu der auch Glessen gehörte. Verschieden war letztlich „nur“ die Rechtsanwendung und die Zuständigkeit der Gerichte.
Kurköln und Jülich im Vergleich
Während Büsdorf zu Kurköln gehörte, lagen die unmittelbaren Nachbarorte Glessen, Niederaußem und Oberaußem im Herzogtum Jülich. Die Grenze trennte damit zwei unterschiedliche Rechtssysteme und Gerichtszuständigkeiten — im gelebten Leben der Menschen spielte sie jedoch kaum eine Rolle. Heiraten, Glauben, Handel und Nachbarschaft funktionierten unabhängig davon, auf welcher Seite der Grenzlinie man zufällig wohnte.
Stift gegründet
vor 927
urspr. „Freiweltl. Stift“
Verbindung zu Büsdorf
seit 927
durch Schenkung Wichfrieds
Fronhof in Büsdorf
bis 1802
größter Hof im Dorf
Ende des Stifts
1802
Säkularisation durch Franzosen
Was ist ein Stift — und was war dieses?
Das Stift wurde vor dem 18. Jahrhundert in Urkunden „freiweltliches Stift von den 11.000 heiligen Jungfrauen“ genannt. Den kürzeren Namen „St. Ursula-Stift“ trägt es erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens. Zu einem Stift gehören Personen, die in Gemeinschaft leben, eine gemeinsame kirchliche Aufgabe haben und über eine gemeinsame Vermögensmasse verfügen. Das Leben der Frauen im Stift kannte nur wenige gemeinsame Pflichten: die Teilnahme an Gottesdiensten und Stundengebeten. Soziale Aufgaben haben die Stiftsfrauen nicht erfüllt — das wäre angesichts ihrer Herkunft aus Adelsfamilien auch nicht zu erwarten gewesen.
Die Kanonissen und ihre Herkunft
Die Stiftsdamen — auch Kanonissen genannt — verehrten seit dem frühen Mittelalter die legendenumwobenen Jungfrauen, die aus dem christlichen Britannien nach Rom gepilgert und auf dem Rückweg in Köln von Hunnen getötet worden sein sollen. Da man unter der St. Ursula-Kirche im 12. Jahrhundert Gräber fand, erhielt die fromme Legende eine Stütze. Die hohe Zahl von 11.000 Märtyrerinnen entstand durch einen Lesefehler. Seit dem 14. und 15. Jahrhundert gehörten dem Stift hauptsächlich Töchter aus rheinischen und westfälischen Adelsfamilien an. Später wurde es zum „Hochgräflichen Stift“, dessen Äbtissin mit „Excellenz“ angesprochen wurde. Im 18. Jahrhundert zählte das Stift unter der Äbtissin elf Mitglieder.
Die Äbtissin als Kirchenpatronin in Büsdorf
Durch die Schenkung Erzbischofs Wichfried war die Kirche in „Bozilesthorpe“ eine Eigenkirche des Ursula-Stifts geworden. Das Stift konnte an der Kirche Geistliche nach Belieben einsetzen und entlassen — die Einkünfte der Kirche standen dem Stift zu. Die kirchliche Reformbewegung des 11. und 12. Jahrhunderts bekämpfte mit Erfolg diese Einrichtung. Aus den Eigenkirchen wurden Pfarrkirchen, deren Geistliche eigene Rechte hatten. Der bisherige Herr der Kirche wurde zum Kirchenpatron — er hatte das Recht, dem Bischof der Diözese einen Geistlichen für die Pfarrkirche vorzuschlagen. Bis zum Jahr 1802 war die Äbtissin von St. Ursula Kirchenpatronin in Büsdorf.
Die Äbtissin als Zehntherrin
Seit Kaiser Karl dem Großen (768–814) hatte die Kirche ein Recht auf den Zehnten — eine Abgabe von einem Zehntel der Früchte des Feldes, des Gartens und vom Vieh. Später trat in der Regel der Kirchenpatron als Zehntherr auf und überließ einen Teil davon dem Pfarrer. Für das Büsdorfer und Fliestedener Feld gibt es eine genaue Aufstellung der Zehntrechte aus dem Jahr 1757: Die Äbtissin hatte den Zehnten von 657 Morgen, der Büsdorfer Pastor von ca. 200 Morgen. Der Zehnte von den Feldfrüchten wurde in Naturalien gegeben — ein Teil des Getreides wurde in die Scheune des Büsdorfer Fronhofs geliefert.
Geschichte und Bedeutung des Fronhofs
Der Fronhof war bis zum Jahr 1802 Eigentum des Ursula-Stifts und zugleich Mittelpunkt eines Hofsverbandes abhängiger Höfe. Die erste Nachricht über diesen Hof stammt aus einer Urkunde der Äbtissin Gepa, die um 1135 regiert hat. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts erweiterte das Stift seinen Landbesitz in Büsdorf wesentlich: Allein 1310 erwarb es 91 kölnische Morgen. Nach der kurkölnischen Landesbeschreibung von 1670 hatte der Hof 321 kölnische Morgen — er war der größte Hof im Dorf. Der Name „Fronhof“ wird zum ersten Mal in der „Jülicher Erkundigung“ von 1555 verwendet. Er ist abgeleitet vom althochdeutschen Wort „fro“ — der Herr — und bezeichnet allgemein den Hof des Zehntherren im Dorf.
Vom Dreißigjährigen Krieg bis zur Säkularisation
Im Dreißigjährigen Krieg wurden die Hofgebäude abgebrannt. Der damalige Pächter Vincenz Mohr bat den Konvent des Stifts, den Hof auf kurkölnischem Gebiet neu aufbauen zu dürfen — er hatte zuvor auf jülichem Gebiet gelegen. 1649 erhielt er die Erlaubnis. Ursprünglich wurde der Fronhof durch Verwalter bewirtschaftet, die „Meier“ genannt wurden. Seit dem 15. und 16. Jahrhundert verpachteten die kirchlichen Eigentümer ihre Höfe auf je 12 Jahre gegen Naturalpacht. Die Namen der Pächter sind seit 1573 bekannt. Seit 1694 war der Hof an die Familie Sinsteden verpachtet. Am 2. August 1794 pachteten Jakob Päffgen und seine Frau aus Müngersdorf den Hof für eine Jahrespacht von 20 Malter Weizen, 40 Malter Roggen und 30 Malter Gerste. 1810 kauften sie ihn für 43.000 Franken. Mit der Einziehung des Stiftsvermögens durch die Franzosen im Jahr 1802 endete die Geschichte des Büsdorfer Stiftshofes.
Mannkammer und Kurmede
Es war die Aufgabe eines besonderen Gerichts — der Mannkammer oder dem Lehngericht — die Rechte der Äbtissin an den abhängigen Höfen im Umkreis von Büsdorf zu wahren. Zu den Rechten der Äbtissin gehörte unter anderem die Kurmede: Starb der Inhaber eines Lehnsguts, so stand der Äbtissin nach ihrer Wahl ein Gegenstand aus seiner beweglichen Habe zu — in der Regel ein Pferd. Zu den vom Stift abhängigen Gütern zählten Burg Geretzhoven bei Hüchelhoven, der Ketzgenhof in Oberaußem, der Mohrenhof bei Asperschlag, die Oberburg in Fliesteden und mehrere Höfe in Rommerskirchen.
Wappen der Äbtissin Augusta, Gräfin zu Manderscheid, Blankenheim und Gerolstein, am Fronhof
Wappen der Äbtissin Augusta, Gräfin zu Manderscheid, Blankenheim und Gerolstein, am Fronhof
Herrschaft
Herrlichkeit Bedburg
Unterherrschaft Kurkölns
Herren von Bedburg
ab 13. Jh.
Herren von Reifferscheidt
Schlüsselereignis
1288
Schlacht bei Worringen
Windmühle Büsdorf
Eigentum
der Herren von Bedburg
Unter dem Krummstab — die Landesherrschaften
Fast neun Jahrhunderte lebten die Deutschen im „Heiligen Römischen Reich“ — einem Gebilde, das kein Staat im heutigen Sinne war. Seine Zentralgewalt war schwach; es gab zunächst große Stammesherzogtümer, aus denen nach und nach kleinere und kleinste Herrschaften entstanden. Im 12. Jahrhundert erwarben die Erzbischöfe von Köln bedeutende Gebiete im Rheinland und in Westfalen und waren auf dem Weg zur Vorherrschaft am Rhein. Doch dann erwuchs ihnen in den Grafen von Jülich ein gefährlicher Rivale. Die Schlacht bei Worringen im Jahr 1288 brachte die Entscheidung: Erzbischof Siegfried von Westerburg unterlag einem Bündnis weltlicher Fürsten, an dem die Grafen von Jülich und die Bürger von Köln mitwirkten. Danach regierten die Erzbischöfe ihr Land von Brühl, Bonn oder anderen Schlössern aus.
Die Herren von Reifferscheidt
Im Kampf zwischen dem Erzbischof und den Grafen von Jülich konnten kleinere Herren sich lange selbständig halten — zu ihnen gehörten die Herren von Bedburg. Seit dem 13. Jahrhundert waren die aus der Eifel stammenden Herren von Reifferscheidt Herren von Bedburg. Johann von Reifferscheidt hatte bei Worringen gegen den Erzbischof gekämpft. Schon 1291 aber nahm er sein Schloss und seine Herrschaft vom Erzbischof als Lehen an. Bis zur Angliederung des linksrheinischen Raumes an Frankreich im Jahr 1801 gehörte die Herrlichkeit Bedburg zum Staat des Kölner Erzbischofs — als Unterherrschaft mit eigenen Gerichten.
„Bedburg, Sitz des Grafen von Salm am Erftfluss“
Die „Historische Beschreibung der Erzdiözese Köln“ beschreibt in Reimform den Umfang des Bedburger Ländchens: „Bedburg, Sitz des Grafen von Salm am Erftfluss gelegen, ist ein herrlicher Ort: in seinen angrenzenden Fluren liegen die lieblichen Dörfer und Herrschaften — Winkelheim, Büsdorf, Buchholz, Epprath, Bleichen, Auenheim, Garsdorf, Kirdorf, Frauweiler und ferner Geddenberg, Hüchelhoven, Fliesteden; jeder Bauer, welcher wohnet daselbst, gehorcht dem regierenden Grafen.“ Der Kölnische Krieg (1583–85) brachte die Grafen von Salm-Reifferscheidt in den Besitz der Herrschaft, die sie bis zum Ende der Kleinstaaten behielten.
Büsdorf im Besitz der Herren von Bedburg
Die Herren von Bedburg hatten in ihrem Land viele Besitzungen. So gehörte ihnen die Wassermühle in Bedburg und die Windmühle in Büsdorf — Mühlen brachten reiche Einnahmen. Sie bezogen ebenso Einkünfte aus den Zöllen, die an verschiedenen Orten erhoben wurden, und aus den zahlreichen Brauereien im Bedburger Land. Büsdorf war damit in ein dichtes Geflecht von kirchlichen (St. Ursula-Stift), weltlichen (Herren von Bedburg) und übergeordneten (Kurköln) Herrschaftsstrukturen eingebunden — ein typisches Bild für ein mittelalterliches Dorf am Niederrhein.
Der Vogt des Herzogs von Jülich
Die Äbtissin war Grundherrin des Hofes in Büsdorf, konnte aber nicht selbst Gewalt im Gericht ausüben. Dazu brauchte sie einen Vogt. Die Grafen und späteren Herzöge von Jülich wurden Vögte für alle Gerichte des Stifts. Sie erschienen nicht persönlich zu den Gerichtsterminen, sondern ließen sich durch einen Beamten vertreten — der ebenfalls Vogt genannt wurde. Das Gericht trat dreimal im Jahr ohne besondere Einladung zusammen: am Donnerstag nach Dreikönige, am Donnerstag nach St. Johann Baptist (24. Juni) und am Donnerstag nach Mariä Geburt (8. September). Diese wurden „ungebotene Gedinge“ genannt.
Ein Wagen mit drei Pferden für den Herzog
Eine besonders anschauliche Bestimmung des Weistums lautet: „Wenn mein Herr von Jülich in seinem Lande zu Felde zieht, nicht aber außerhalb seines Landes, so soll der Hof einen Wagen mit drei Pferden und zwei Knechten stellen. Die sollen meines gnädigen Herren Küche fahren.“ In der „Jülicher Erkundigung“ von 1555 wird vermerkt, dass der Fronhof dem Herzog einen Wagen stellen müsse, der Küchengeschirr oder Proviant befördern sollte. Ob der Herzog von diesem Recht jemals Gebrauch gemacht hat, ist nicht bekannt.
Pfarrpatron
Hl. Laurentius
gestorben 258 in Rom
Erste Erwähnung als Pfarrkirche
vor 1300
Liber valoris, Erzdiözese Köln
Alte Kirche abgebrochen
1894
romanisch, zwei Schiffe
Pastöre bis 1792
12 bekannt
ab 1547 namentlich
Der heilige Laurentius
Pfarrpatron der Büsdorfer Kirche ist, solange die Kenntnis reicht, der heilige Laurentius. Er war Erzdiakon der frühchristlichen römischen Kirche und starb am 6. August 258 in Rom den Märtyrertod. In der Kunst wird Laurentius dargestellt, wie er Gaben austeilt oder auf dem Rost den Martertod erleidet. Laurentius gehört mit den Heiligen Stephanus und Vincentius zu den bevorzugten Heiligen der frühfränkischen Zeit (ca. 500 bis 800). Das Patronat des hl. Laurentius legt nahe, dass Büsdorf eine sehr alte Pfarre ist — ebenso wie die Nachbarpfarre Oberaußem, deren Patron Vincentius ist. Seit 1772 hat die Büsdorfer Kirche einen zweiten Pfarrpatron: den heiligen Donatus, einen römischen Heiligen, der besonders gegen Unwetter und Blitzschlag um Schutz angerufen wird. Büsdorf erhielt Reliquien dieses Heiligen durch Vermittlung der Äbtissin Augusta, Gräfin von Manderscheid-Blankenheim.
Die alte Pfarrkirche von Büsdorf, 1894 abgebrochen
Romanische Kirche — abgebrochen 1894
Die Festschrift zur Jahrtausendfeier Büsdorfs von 1928 zeigt uns die alte Kirche, die 1894 abgebrochen worden ist. Es war eine kleine romanische Kirche mit zwei Schiffen und einem vorgelagerten hölzernen Glockenturm. Wann sie erbaut wurde, ist nicht bekannt — um 1613 wurden Arbeiten an der Sakristei ausgeführt, die Kirche stammte also aus noch älterer Zeit.

Die Unterhaltungspflichten waren genau geregelt: Die Pächter des Büsdorfer Fronhofs mussten jährlich das Dach der Kirche besteigen und nach dem Rechten sehen. Der Pastor trug die Kosten für den Chor, die Pfarrgemeinde für den Turm. Im Visitationsbericht von 1738 wurde vermerkt, dass Kirche und Pfarrhaus einer Reparatur bedürften.
„Das Schiff unseres Gotteshauses ist innerlich verwüstet“
Im Jahr 1762 richteten einige Büsdorfer ein Bittgesuch an die Äbtissin des St. Ursula-Stifts — als Kirchenpatronin und Zehntherrin war sie für die Bauunterhaltung zuständig. Darin heißt es: „Es ist sattsam bekannt, dass Eure Hochgräfliche Excellenz mit einem königlichen Propheten David für die Ehre Gottes und dessen Majestät geheiligetem Tempel ruhmwürdigst wetteifeern. […] Das Schiff unseres Gotteshauses in Büsdorf ist dermaßen innerlich verwüstet und auch das obere Gestühl so verrottet, dass diese Kirche die einem Gotteshaus gebührende Zierde völlig verloren hat und nicht mehr einem Sitz des Herren gleicht.“ Am 30. Juli 1762 befahl die Äbtissin, der Kirche ein Geschenk von 20 Reichstalern zukommen zu lassen — ob es gereicht hat, die Kirche zu reparieren, darf man bezweifeln. Unterzeichnet war das Gesuch von Hilger Welter (Scheffe in Büsdorf), Mathias Clahsen (Vorsteher) und Reiner Helmig.
Vieh auf dem Friedhof
Seit uralter Zeit war die Pfarrkirche von einem Friedhof umgeben. Die Mauern des Kirchhofes wurden aus dem Baufonds der Kirche unterhalten — mit Ausnahme der Nordseite, die vom angrenzenden Antoniterhof (auch Schlangenhof genannt) erhalten werden musste. Um 1760 war nicht nur die Kirche in schlechtem Zustand, sondern auch die Friedhofsmauer. Das Vieh konnte vom Schlangenhof ungehindert auf den Friedhof gelangen und dort grasen. Ein erzbischöfliches Dekret vom 25. Juli 1762 gebot der Pfarrgemeinde Büsdorf, innerhalb eines Monats die Lücke in der Mauer zu verschließen.
Kelch von 1626
Kelch von 1626, Geschenk von Pastor Leonhard Wolf
Kelch von 1626 — ein Geschenk von Pastor Leonhard Wolf an die Pfarrkirche St. Laurentius.
Laurentius-Kapelle am Apfelmarkt
Die alte Laurentius-Kapelle am Apfelmarkt in Büsdorf
Die alte Laurentius-Kapelle am Apfelmarkt in Büsdorf.
Petrus Faber (1547) bis Werner Riegel
Aus den Jahrhunderten des Mittelalters sind nur einige Namen Büsdorfer Seelsorger bekannt — sie werden als Zeugen bei der Errichtung von Urkunden des Scheffengerichts genannt. 1547 wurde Petrus Faber Pastor. Er verdankte sein Amt der Äbtissin Justina von Lupfen, die zeitweise in den Verdacht kam, Sympathien für die Lehren Martin Luthers zu haben. Um 1550 begünstigte Graf Hermann von Neuenahr die Einführung der neuen Lehre in der Herrschaft Bedburg — auch Petrus Faber soll lutherisch geworden sein. Die protestantische Periode endete im Kölnischen Krieg (1583–85). Der neue Herr des Bedburger Landes, Graf Werner von Salm-Reifferscheidt, führte seine Untertanen zur katholischen Lehre zurück.
Leonhard Wolf (1611–1642) — ein bedeutender Pastor
Wolf erbaute 1613 eine neue Sakristei und 1615 ein Pfarrhaus. Er stiftete 1626 einen Kelch für die Pfarrkirche, der noch heute seinen Namen trägt. In der Christianität Bergheim war er Kämmerer für den kurkölnischen Anteil — die Christianität Bergheim war die größte in der alten Erzdiözese Köln mit 99 Pfarrkirchen, 12 Klöstern und 12 Filialkirchen. Als er 1642 starb, heißt es in den Dekanatsakten: „Er verließ seine Herde durch den Tod.“
Johann Heinrich Krosch (1770–1792) — der Pfarrhausbauer
Als Krosch 1770 nach Büsdorf kam, fand er ein verwohntes und baufälliges Pfarrhaus vor. Er bat die Äbtissin, die Grundstücke der Pfarre für ein Darlehen belasten zu dürfen, und schrieb: „[…] mein pastorahl hauß zu Büsdorf befindet sich in so zerrüttetem Zustand, dass solches nicht mehr bewohnt auch nicht repariert werden könne […]“ Die Äbtissin bewilligte die Aufnahme eines Darlehens von 700 Talern. So erbaute Krosch das Pfarrhaus, das noch heute erhalten ist — mit den Buchstaben M.E.I.H.K.P. auf der Rückseite: „Mich erbaute Johann Heinrich Krosch, Pastor.“ Er starb am Dreikönigstag 1792. Das Kirchenbuch rühmt ihn für „einzigartige Bescheidenheit, untermüdliche Sorge für die ihm anvertraute Herde und Sittenreinheit“.
Anbausystem
Dreifelderwirtschaft
bis Ende 18. Jh.
Ernte
4–5-fache Aussaat
sehr niedrig
Größter Hof
Fronhof
321 Morgen (Äbtissin)
Hausmannshäuser
76 (1670)
Büsdorf + Hüchelhoven-Rheidt
Die Dreifelderwirtschaft
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war die Landwirtschaft wenig leistungsfähig. Es gab keine Futterpflanzen, weshalb nur wenig Vieh gehalten werden konnte. Da Mineraldünger noch unbekannt waren, lieferte nur das Vieh Dünger für die Felder — bei geringer Düngerversorgung war der Ertrag der Feldfrüchte niedrig. Die Ernte bestand lediglich im Vier- bis Fünffachen der Aussaat. Die Nutzung des Bodens erfolgte im System der Dreifelderwirtschaft: Im ersten Jahr einer Dreijahrperiode wurde Wintergetreide angebaut (Roggen, Weizen oder Wintergerste), im nächsten Jahr eine Sommerfrucht (Hafer, Rübsen oder Buchweizen). Dann war der Boden erschöpft — er blieb ein Jahr unbeackert liegen (Brache). Auf der Brache weidete das Vieh, das dem Boden etwas Dünger zurückgab.
Hagelschlag und Hungersnöte
Die Saat war vielen Gefahren ausgesetzt. Die Pachtverträge der damaligen Zeit enthielten Bestimmungen, nach denen bei „Hagelschlag, Mauß­biß und Mißwachs“ die Pacht gemindert werden konnte. Einen verheerenden Hagelschlag erlebte die Gegend um Büsdorf und Fliesteden am 21. Mai 1792. Nach Augenzeugenberichten war das Feld zwischen Büsdorf und Fliesteden niedergewalzt, als ob eine Armee darüber hinweggezogen wäre. Die Einführung der Kartoffel als Feldfrucht und Nahrungsmittel trug viel dazu bei, die Gefahr von Hungersnöten abzuwenden. Seit dem 18. Jahrhundert wurde auch der Klee angebaut, der die Futtergrundlage erweiterte und den Dreifelderbau zurückdrängte.
Die großen Höfe und ihre Besitzer
Landbesitz war in der vorindustriellen Gesellschaft eine Hauptquelle des Einkommens — er verschaffte auch Ansehen und Einfluss im Staat. Viele Höfe und Ackerparzellen waren seit dem frühen Mittelalter in das Eigentum von Stiften, Klöstern und Kirchen gelangt. Die Diskription von 1670 gibt einen genauen Überblick über die Eigentumsverhältnisse in Büsdorf:
Hof
Besitzer
Morgen
Fronhof
Äbtissin von St. Ursula
321
Antoniterhof
Antoniushaus in Köln
303
Hüttenhof
Stift St. Maria im Kapitol
171
Kreuzhof
Deutscher Orden, Kommende St. Katharina
130
Bohlendorfer Hof
Fam. Holtrop von Irnich
160
Die kleinen Höfe und der Zehnpfennigshof
Die Diskription von 1670 führt für den Dingstuhl Büsdorf — also Büsdorf und Hüchelhoven-Rheidt — 76 „Hausmannshäuser“ auf. Diese kleineren Höfe kamen zusammen nur auf 304 Morgen Land. Selbst bei bescheidener Lebensführung konnten einige dieser Bauern nicht von ihrer Wirtschaft allein leben — sie mussten als Tagelöhner dazuverdienen. Daneben gab es noch den Zehnpfennigshof mit ca. 50 Morgen — den heutigen Hof Peters, Windmühlenstraße 44. Dieser Hof ist seit Jahrhunderten in Familienbesitz. In früherer Zeit hatte er auch eine Herberge mit Brauerei für durchreisende Personen. Die Pächter der großen Höfe wurden in damaliger Zeit „Halbwinner“ oder „Halfen“ genannt.
Häuser um 1733
47 Häuser
Fachwerk mit Strohdach
Einwohner ca. 1753
~360
alle katholisch
Bekannte Geistliche
6 aus Büsdorf
1636–1947
Erste Schule
1695
Küster als Lehrer
Steinsetzung und Vermessung
Zu Beginn des Jahres 1772 beschloss die Äbtissin Auguste von Manderscheid-Blankenheim-Gerolstein, ihre Zehnten in Büsdorf und Fliesteden mit Steinen abzugrenzen. Die Grenzsteine des St. Ursula-Stifts trugen die Aufschrift „A. S. V.“ (Äbtissin von St. Ursula), andere „G. S.“ für Graf Salm oder das Kreuz des Deutschen Ordens. Diese Steine sind teilweise noch vorhanden — sie sind Zeugen einer lange zurückliegenden Zeit. Die Steinsetzung gab verschiedenen Hofeigentümern Veranlassung, ihre Ländereien vermessen zu lassen. Die Karte des Schlangenhofes wurde vom Landmesser Josef Otto angefertigt — sie gibt uns einen einzigartigen Überblick über die Gemarkung Büsdorf von Asperschlag im Westen bis Fliesteden im Osten.
Büsdorf um 1773 – historische Karte
Historische Karte von Büsdorf um 1773 (Landmesser Josef Otto). Erkennbar: Kirche, Fronhof, Hüttenhof, Schlangenhof, Pfarrhof und die Bockwindmühle auf dem Hügel im Süden. Der Dorfzaun schloss Büsdorf nach allen Himmelsrichtungen ab.
Asperschlag mit Mohrenhof um 1773
Der Weiler Asperschlag mit dem Mohrenhof um 1773. Der Mohrenhof gehörte zu den vom St. Ursula-Stift abhängigen Gütern. Hier verlief auch die Grenze zwischen Kurköln und dem Herzogtum Jülich.
Kasterstraße, Herrstraße und Albrecht Dürer
Eine wichtige Straße verband Büsdorf mit Köln und den Niederlanden: die Straße Roermond–Kaster–Köln, auf der Karte „Kasterstraß“ genannt. Sie führte über die heutige Windmühlenstraße und hieß oberhalb von Büsdorf „Herrstraße“. Die Lage an einer Durchgangsstraße brachte es mit sich, dass es in Büsdorf zeitweise vier Gaststätten oder Herbergen für durchreisende Fremde gab — im 18. Jahrhundert mit Brauereien verbunden. 1520 hat ein prominenter Reisender in unserem Dorf übernachtet: Albrecht Dürer, auf der Reise in die Niederlande.
Fliestedener Straße 1 – eines der alten Häuser von Büsdorf
Fachwerk und Strohdächer — 47 Häuser um 1733
Um das Jahr 1733 hatte Büsdorf 47 Häuser. Heute gibt es im Dorf kein Haus mehr, das unverändert aus dieser Zeit stammt. Die Häuser waren allgemein aus Fachwerk erbaut und hatten Strohdächer — damit waren sie sehr feuergefährdet. 1783 brannten in Stommeln bei einer Feuersbrunst 105 Häuser ab. Die Räume im Haus waren klein und dunkel. Für das Jahr 1753 lässt sich die Einwohnerzahl auf ungefähr 360 schätzen — alle waren katholisch, denn Nichtkatholiken werden in den Visitationsberichten des 17. und 18. Jahrhunderts niemals erwähnt.

Fliestedener Straße 1 — eines der alten Häuser von Büsdorf. Foto: Ludwig Theißen
1. Winand Zehnpfennig (latinisiert: Zephenius) — geboren auf dem Zehnpfennigshof. Von 1636 bis 1678 Pastor von Bergheimerdorf. Während des Hessenkrieges musste er in Köln Zuflucht nehmen.
2. Hermann Coenen — stammte aus dem „Haus zum Wolf“ in der heutigen Laurentiusstraße. 1682 geweiht, Professor am Montaner-Gymnasium in Köln, dann Pfarrer in Junkersdorf (heute Köln-Junkersdorf).
3. Johann Wilhelm Helmig — geboren 1713, geweiht 1736. Vikar in Düsseldorf, 1757 vom Herzog die Pfarrei Kelz bei Düren erhalten.
4. Friedrich Gottfried Sinsteden — geboren auf dem Fronhof. Wurde Pater in der Benediktinerabtei Brauweiler.
5. Johann Baptist Welter — geboren 1759, Sohn des Schöffen Hilger Welter. 1794 Rektorenstelle in Fliesteden, 1813 Pastor in Schleiden bei Jülich, dort 1839 gestorben.
6. Ludwig Helmig — geboren 1862, 1887 in Paris zum Priester geweiht. Bis 1914 Seelsorger für die deutsche Kolonie in Paris, danach Rektor am Maria-Hilf-Krankenhaus in Mönchengladbach. Gestorben 1947, beigesetzt auf unserem alten Friedhof.
Von der Küsterschule zur geregelten Bildung
Vor dem Dreißigjährigen Krieg gab es auf dem Land nur in wenigen Orten Schulunterricht. Die erste Nachricht über die Büsdorfer Schule kommt aus dem Jahr 1695. 1707 erteilte Pastor Holländer Religionsunterricht und es gab einen „Ludimagister“ — so nannte man den Küster, der zugleich Unterricht in Kirchengesang, Lesen und Schreiben gab. 1725 war Wilhelm Müdder Küster und Schulmeister in Büsdorf; er erhielt als Vergütung vier und einen halben Malter Weizen. Auf ihn folgten Christian Müdder (1753) und Mathias Müdder (1803). Die Küsterwohnung war neben dem Pfarrhaus — dort wurden auch die Kinder unterrichtet (heute Windmühlenstraße 23). Ein Nachteil der früheren Dorfschule war die mangelhafte Vorbildung der Küster, die oft selbst nur mit Mühe lesen und schreiben konnten. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts sorgte Erzbischof-Kurfürst Max Franz von Österreich, ein Sohn der Kaiserin Maria Theresia, für eine bessere Lehrerbildung.
Vom Kölnischen Krieg bis Ludwig XIV.
Mit dem Kölnischen Krieg (ab 1583) begann eine Epoche kriegerischer Heimsuchungen für das Kölner Land. Besonders zu leiden hatten die Bewohner des Erzstiftes im „Hessenkrieg“ — damals brannte der Fronhof ab, ein Jahr lang gab es keinen Pastor im Dorf. Die Friedenszeit nach dem Westfälischen Frieden (1648) war nur kurz: „1673 ist der verderbliche kaiserlich-holländische und spanische Krieg eingefallen“ — so steht es im Rentbuch. Erzbischof Maximilian Heinrich hatte sich mit Ludwig XIV. gegen Holland verbündet. Holländische und spanische Soldaten besetzten das Erzstift und auch Bergheim. Im Herbst 1678 erschienen Franzosen als Angreifer im Kölner Land, eroberten Bedburg und durchzogen die ganze Herrschaft. Am 6. November 1678 trugen alle Pächter von Kirchenland beim Pastor vor, sie hätten durch „verderblichen Kriegseinfall und Durchzug, wie auch durch Auferlegung unerträglicher Lasten“ große Opfer gebracht — ihnen wurde daraufhin die Hälfte der Pacht erlassen. Von 1688 bis 1697 wurde erneut am Oberrhein und Niederrhein gekämpft. Aus diesem Grund wurde 1691 der dritte Teil der Pacht erlassen. Danach folgten der Spanische Erbfolgekrieg (1702–13) und schließlich eine Zeit beständigeren Friedens.
Französische Zeit
1794–1814
ca. 20 Jahre
Einmarsch
Oktober 1794
Jülich, Bergheim, Köln
Mairie gegründet
1801
Hüchelhoven mit Büsdorf
Berufe in Büsdorf
fast nur Landwirte
1 Bäcker, 1 Schuster, 20 Arbeiter
Die Revolution und ihre Folgen für Büsdorf
1789 begann im Nachbarland Frankreich die Große Revolution. Sie beseitigte in kurzer Zeit eine soziale Ordnung, die in Jahrhunderten gewachsen war. Die Vorrechte des Adels — Steuerfreiheit, eigene Gerichtsbarkeit — wurden aufgehoben, das Kirchenvermögen verstaatlicht. 1792 wurde Frankreich Republik. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ war die Losung — doch die Folgen für die Rheinländer waren zunächst ganz praktischer Natur: Zwischen Rhein und Maas standen österreichische Truppen. Sie benötigten Fleisch, Brot und Futtermittel — das trieb die Preise. Es war eine glückliche Zeit für reiche Ackerleute, aber betrübte Zeiten für die armen Tagelöhner. Im Herbst 1794 besetzten die Franzosen Jülich, Düren, Bergheim und Köln. Kurfürst und Erzbischof Max Franz von Österreich verließ Bonn und kehrte nie mehr zurück. Die geistliche Herrschaft war zu Ende — die Herrlichkeit Bedburg hörte zunächst tatsächlich, 1801 auch rechtlich auf zu bestehen.
Assignaten, Freiheitsbaum und sozialer Umbruch
Die Franzosen führten zunächst in Ordnung und mit Disziplin ein — keine Plünderungen wie bei früheren Besatzungen. Aber sie führten ihr Papiergeld ein, die „Assignaten“, die angeblich durch das verstaatlichte Kirchenvermögen gedeckt waren. Die Rheinländer, die nur Münzgeld kannten, misstrauten ihnen — mussten sie aber unter Strafandrohung annehmen. Es bildete sich ein schwarzer Markt: „Wegen der Assignaten, welche jeder zu nehmen verbunden ist, liegt Handel und jedes Gewerb still. In Wirtshäusern trinken vertraute Nachbarn in abgelegenen Zimmern Bier und Brandwein, Kaffee verkauft man verstohlenerweise, Schuster arbeiten in verborgenen Kammern nur für ihre Kunden.“ In Bergheim pflanzten die Franzosen an der Georgskapelle einen Freiheitsbaum — dabei wurden 50 Hammel und mehrere Kühe gemetzelt. Mit dieser Feierlichkeit begann die soziale Umwälzung: Der Adel musste nun Steuern zahlen, der Zehnte wurde abgeschafft. Die Klöster und Kirchen kamen in Not. Der Rentmeister des St. Ursula-Stiftes bat den Pächter des Fronhofes wiederholt um finanzielle Hilfe.
Die Höfe werden verkauft
1801 wurde das Rheinland Teil der Französischen Republik. Im Jahr darauf wurde auch in Büsdorf das Vermögen der Stifte und Klöster verstaatlicht — ohne Entschädigung. Der Staat verkaufte die Güter billig in öffentlichen Auktionen. Die Höfe in Büsdorf wurden zwischen 1807 und 1810 verkauft:

Hof
bisheriger Pächter
Erwerber
Fronhof
Jakob Päffgen
derselbe
Schlangenhof
Hermann Güssen
H. Güssen u. J. Engels
Hüttenhof
Christian Meul
derselbe
Kreuzhof
Johann Lommeder
Freiherr von Brachel

Die Mehrzahl der Höfe ging in das Eigentum der bisherigen Pächter über. Eine zeitgenössische Aufzeichnung beschreibt den Wandel: „Die Halbwinner und Eigentümer von Ländereien, sonst in grauleinenen Kitteln gekleidet, kleideten sich fortan in feines Wolltuch; ihre Frauen und Töchter wechselten ihre rohen leinen Schürzen mit katunenen und seidenen Stoffen. Chaisen (Kutschen) traten an die Stelle von Karren, wenn der Halbwinner ausfuhr.“
Büsdorf wird Teil einer neuen Verwaltungseinheit
Zu den Leistungen der französischen Regierung gehört der Aufbau einer übersichtlichen Verwaltung. Ihre unterste Einheit wurde die Mairie. Das Jahr 1801 gilt als Geburtsjahr der Mairie Hüchelhoven — sie wurde 1814 in Bürgermeisterei Hüchelhoven umbenannt und bestand als Gemeinde im Rahmen des Amtes Bergheim bis 1974. Zur Mairie gehörten von Anfang an: Hüchelhoven, Rheidt, Büsdorf, Fliesteden und Glessen — also Dörfer, die vorher zu Kurköln und zu Jülich gehört hatten. Schon der erste Maire Vincenz Krosch aus Rheidt (1801–1810) war ein Hofbesitzer. Aus Büsdorf waren im Munizipalrat die Besitzer des Fronhofs und des Kreuzhofs vertreten. Durch die Zugehörigkeit zum Kanton Bergheim kam Büsdorf erstmals in eine rechtlich-politische Verbindung zu dem altjülichem Städtchen Bergheim — Bindungen, die sich mit der Zeit immer mehr verstärkten, bis sie 1975 mit der Eingemeindung endeten.
Die Wählerliste aus der Franzosenzeit
Eine Liste der Mitglieder der Bergheimer Kantonalversammlung aus den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts gibt einen Einblick in die berufliche Gliederung der Büsdorfer. Die Liste enthält nur Männer — Frauen hatten bis 1918 keine politischen Mitwirkungsrechte. Unter den Männern überwogen die Landwirte bei weitem. Es gab neben Pastor Werner Riegel und dem „Schulmeister“ Müdder noch einen Bäcker und einen Schuster. Dazu kamen etwa 20 Arbeiter. Alle anderen waren Landwirte.
„Ruft Alt Wiev, Lamperühr!“ — Napoleon besucht Bergheim
Im Mai 1804 wurde der Erste Konsul Napoleon Kaiser — Napoleon I. Im Herbst desselben Jahres machte er eine Reise ins Rheinland. Auf der Durchreise nach Köln kam er auch durch Bergheim. Am Aachener Tor wurde er von Bürgermeister Frentz und der Schuljugend begrüßt. Die Kinder sollten den Kaiser mit dem Ruf „Vive l’Empereur“ — „Es lebe der Kaiser“ — begrüßen. Da sie kein Französisch konnten, hatten sie Schwierigkeiten. Der Lehrer soll ihnen gesagt haben: „Ruft Alt Wiev, Lamperühr“ — das war offenbar ein Schimpfwort. Die Kinder haben dann das erste Wort leise ausgesprochen und den Kaiser doch gebührend begrüßt. Napoleon dankte huldvoll und fuhr mit seiner Kutsche nach Köln weiter. In Köln haben begeisterte Kölner die Pferde aus der Kutsche gespannt und den Herrn des Kontinents zu seinem Quartier gezogen.
Napoleons Soldaten aus Büsdorf und die Veteranen
Die Französische Revolution hatte 1792 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Nach der Eingliederung des Rheinlandes mussten auch die jungen Rheinländer Kriegsdienst leisten — sie nahmen an den Feldzügen Napoleons in ganz Europa teil. Das war die drückendste Neuerung der Franzosenzeit. Im Feldzug gegen Russland 1812 verließ das Kriegsglück Napoleon. Zu Anfang 1814 zogen die Franzosen aus dem Erftland ab — als Sieger erschienen Russen und Preußen. Im Nachbarort Rheidt-Hüchelhoven wurden Baschkiren einquartiert, Gebirgsleute aus dem Ural, mit Pfeil und Bogen und Lanzen bewaffnet. Die zwanzig Jahre unter französischer Herrschaft wirkten noch lange in der Erinnerung der Rheinländer. Es gab überall Veteranen der napoleonischen Armee. In Stommeln wurde 1856 ein Ehrenmal errichtet für „die unter den Fahnen des Kaisers Napoleon gefallenen Krieger aus Stommeln und Umgebung“ — es ist noch heute auf dem Friedhof zu besichtigen.
Preußische Zeit
1814–1918
Wiener Kongress 1814/15
Einwohner 1828
428
fast alle Katholiken
Neue Kirche geweiht
13. Okt. 1895
nach Abbruch 1894
Strom in Büsdorf
Oktober 1912
Wasser seit 1905
„Do hierode mer äwer en en ärm Familije“
Der Wiener Kongress (1814/15) teilte das Rheinland von Bingen bis Emmerich dem Königreich Preußen zu. Preußen sollte als starke Militärmacht gegenüber dem unruhigen Frankreich die Wacht am Rhein halten. In der ehemals freien Reichsstadt Köln war man über die Angliederung nicht erfreut. „Do hierode mer äwer en en ärm Familije“, soll der Bankier Schaafhausen gesagt haben. Die reichen Bürger der Städte sahen mit Geringschätzung auf Preußen herab, das zu dieser Zeit noch ein Agrarstaat war. Dazu kam ein konfessioneller Gegensatz: die katholischen Rheinländer standen dem protestantisch geprägten preußischen Staat fremd gegenüber. Die Zeit der Gleichheit war wieder vorbei — der Adel nahm wieder eine wichtige Position ein, führende Stellungen in der Staatsverwaltung und im Heer waren Adligen vorbehalten. Vier von sechs Landräten des Kreises Bergheim zwischen 1816 und 1918 waren Adlige.
Ordnung, Militär und der Dorfpolizist mit Pickelhaube
Die preußische Verwaltung war gekennzeichnet durch hohe Effektivität und unbedingte Sparsamkeit. Sie sorgte für Ordnung und Sicherheit — in der Franzosenzeit hatte es Diebes- und Räuberbanden gegeben. Die Preußen durchsuchten in den ersten Jahren ihrer Herrschaft durch Militär und Polizei die Wälder und Gastwirtschaften nach verdächtigen Personen. Das Bandenunwesen wurde ausgerottet. Die Wehrpflicht wurde strenger gehandhabt als unter den Franzosen — kein Ersatzmann mehr möglich. Die Wehrdienstzeit dauerte zwei Jahre, seit den Reformen von 1860 teilweise drei. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden oft große Manöver in unserer Gegend statt — man konnte zuweilen sogar König Wilhelm I. sehen. Eine bedeutende Erscheinung der Preußenzeit war der Dorfpolizist: mit Pickelhaube und Säbel war er allgegenwärtig.
Die Büsdorfer Windmühle und das Kreuz von 1843
428 Einwohner, steinerne Windmühle und das Kreuz von 1843
Im Jahr 1828 hatte Büsdorf 428 Einwohner. Der Eingang zu den Häusern führte über den Hof — zentraler Raum war die weißgekalkte Küche mit dem großen Herd. In keiner Küche durfte das Kruzifix fehlen. Die „Stuv“ war das Prachtzimmer für feierliche Anlässe. Zum Ortsbild gehörten der Laurentiusbrunnen am Apfelmarkt und die Teiche am Fronhof, Schlangenhof und an der Mühle. Um 1850 erbaute der Müller Vincenz Coenen die steinerne Windmühle an Stelle der alten hölzernen Bockwindmühle. Auf dem Fronhof entstand ein neues Wohnhaus, das heute noch steht. Die Gebäude des Schlangenhofes wichen nach und nach einem Schulgebäude.

Die Büsdorfer Windmühle und das Kreuz von 1843. Foto: Hermine Braschoß
Kirmes, Gesangverein und Neujahrsbrezel
Bäuerliche Arbeit war vor der Mechanisierung harte körperliche Arbeit — in der Erntezeit vom frühen Morgen bis tief in die Nacht. Selbst in dieser Zeit vergaßen die Dorfleute nicht, vor Beginn der Arbeit ein „Vaterunser“ zu beten. Die Kirmes wurde in Büsdorf am ersten Sonntag nach St. Remigius (1. Oktober) gefeiert, später auf den zweiten Sonntag im Oktober verlegt. 1873 wurde der „Männergesangverein Cäcilia Büsdorf“ gegründet, der um 1900 unter Dirigent Esser seine Blütezeit hatte. Im 19. Jahrhundert pflegte man in der Heimat einen hübschen Brauch: Zum Neujahrstag schrieben die Kinder ihren Taufpaten einen Glückwunschbrief — die Paten schenkten ihren Patenkindern dafür eine Neujahrsbrezel.
Neujahrsbrief von Ferdinand Coenen, Büsdorf 1. Januar 1855
„Teurer Pate“ — Büsdorf, den 1. Januar 1855
„Wie erfreue ich mich, lieber Pate, daß ich Sie heute wieder gesund und froh wiedersehe. Mit dem größten Vergnügen erinnere ich mich, an die schönen Tage, wo ich Sie glücklich und froh an meiner Seite sah. Gott schenke Ihnen auch in der Folge eine dauerhafte Gesundheit und lasse Sie noch viele Jahre bis in das späteste Alter leben. Ich aber selbst will mich bemühen, Ihnen durch ein gutes Betragen recht viele Freude zu machen. Dies sind die Wünsche zum Neuen Jahr von Ihrem dankbaren Ferdinand, Büsdorf den 1. Januar 1855.“
Vier Schulgebäude in Büsdorf
Im Jahr 1824 ließ Pastor Werner Riegel auf dem Grundstück der früheren Küsterwohnung ein Schulgebäude aus Lehmfachwerk errichten. Im Jahr darauf führte Preußen die allgemeine Schulpflicht ein. 1827 gab es in Büsdorf 68 schulpflichtige Kinder — aber nur 48 besuchten den Unterricht, im Sommer gar nur 12, da die anderen den Eltern im Feld helfen mussten. 1834 besuchten bereits 90 Schüler den Unterricht. Die von Pastor Riegel errichtete Schule war nun zu klein — die Gemeinde kaufte ein Gebäude des Schlangenhofes. Am 26. Januar 1903 wurde die vierte Dorfschule mit einem Festakt eingeweiht. Beide Gebäude (alte Schule und Bürgermeisteramt) sind 1973 abgebrochen worden.
Der Kulturkampf in Büsdorf — Pastor Lindecke darf nicht mehr
Pastor Franz Josef Lindecke (1864–1890) erlebte ab 1873 den Kulturkampf. Er gehörte zu den Sukursalpfarrern, denen von der Regierung die Ausübung ihrer priesterlichen Funktionen verboten wurde. Mehr als 10 Jahre lang durfte Lindecke keine öffentliche Messe lesen und keine Sakramente spenden. Der Bürgermeister verwaltete das Pfarrvermögen und übernahm die Lokalschulaufsicht. Es wird berichtet, die Büsdorfer hätten draußen gestanden und seien dem Gang der heiligen Handlung, der ihnen durch ein Glöckchen vermittelt wurde, gefolgt. Lindecke stellte seine geistlichen Pflichten über das behördliche Verbot — er las zuweilen die Messe und machte auch Versehgänge zu Kranken. Der Kulturkampf dauerte bis 1888.
Die Büsdorfer Kirche, erbaut 1894/95
Neubau 1894/95 durch Pastor Schmitz
Pastor Jakob Mathias Schmitz (1892–1900) erkannte bald nach seiner Einführung, dass die jahrhundertealte Kirche baufällig war. Zum Glück musste man in Büsdorf nicht sammeln — es war ein Fonds von 38.000 Mark vorhanden. Ende Januar 1894 wurde mit dem Abbruch der alten Kirche begonnen. Dann wurde nach Plänen des Kölner Baumeisters Theodor Ross die neue Kirche erbaut. Am 13. Oktober 1895 nahm Weihbischof Dr. Schmitz die Weihe vor. Pastor Schmitz stiftete den Predigtstuhl, die Chorfenster und drei Glocken. Die anderen neugotischen Einrichtungsgegenstände sind Schenkungen Büsdorfer Familien.

Die Büsdorfer Kirche, erbaut 1894/95. Foto: Wolf-Dieter Körner
Bahn, Wasser, Strom — Büsdorf rückt der Welt näher
1892 wurde Otto Graf Beißel von Gymnich von Schloss Frens Landrat des Kreises Bergheim. Unter seiner Initiative schuf der Kreis in etwa einem Jahrzehnt ein Bahnnetz. 1897 wurde die Bahnlinie Bergheim–Rheidt vollendet — der Bahnhof Rheidt wurde Verladestation für Zuckerrüben. 1899 folgte die Staatsbahnlinie Köln–Grevenbroich–Mönchengladbach: nun konnten die Büsdorfer von Stommeln aus mit der Bahn nach Köln fahren. Als erster Kreis im Königreich Preußen erhielt der Kreis Bergheim eine zentrale Wasserversorgung — am 1. Juli 1905 wurde Büsdorf angeschlossen. Im Oktober 1912 erhielt der Ort auch Anschluss an das Stromnetz. Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg waren auch Jahre reger Bautätigkeit — viele Gebäude im Dorf tragen Jahreszahlen aus dem Anfang des Jahrhunderts.
Werner Riegel (1792–1826) — geboren 1762 in Niederbachem. Baute 1824 die erste Volksschule. Förderte später die Erhebung der Stiftskirche St. Andreas in Köln zur Pfarrkirche und wurde deren erster Pfarrer. Gestorben 1837.
Mathias Grein (1826–1828) · Anton Josef Seithümer (1828–1833) — verließen Büsdorf nach kurzer Tätigkeit.
Balthasar Schmill (1833–1864) — geboren 1796 in Niederzier. War in der Pfarre sehr beliebt. „Er arbeitete mit Liebe und Umsicht zum Wohl der Pfarre.“
Franz Josef Lindecke (1864–1890) — erlebte den Kulturkampf, durfte mehr als 10 Jahre nicht öffentlich die Messe lesen. Später Dechant in Titz. Gestorben 1902.
Franz Josef Zell (1890–1892) — traf am 14. September 1892 während der Messe ein Schlaganfall. Starb zwei Tage später, bestattet auf unserem Friedhof.
Jakob Mathias Schmitz (1892–1900) — ließ die neue Kirche bauen (1894/95). War 1866–1872 in den USA. Gestorben 1906 in Walheim.
Peter Dorn (1900–1919) — geboren 1857 in Hüchelhoven, wegen des Kulturkampfes in Nottingham/England geweiht. Trat 1919 in den Ruhestand.
Jahrtausendfeier
3./4. Juni 1928
27 Gruppen im Festzug
Gefallene WK I
11 Männer
Ehrenmal am Apfelmarkt
Gefallene WK II
37 Männer
gefallen oder vermisst
Amerikanische Besetzung
3. März 1945
britische Ablösung im Juli
„Mobil“ — der Ruf auf dem Apfelmarkt
Am 1. August 1914 waren die Büsdorfer in einer Zirkusvorstellung. Auf dem Apfelmarkt gastierte der Zirkus. Da wurde auf einmal der Ruf laut: „Mobil“. Kaiser Wilhelm II. hatte die Mobilmachung angeordnet. In den ersten Kriegswochen wurden westlich von Büsdorf Schützengräben ausgehoben — sie wurden nicht benötigt. Aber elf Männer aus Büsdorf haben in dem Krieg ihr Leben hingeben müssen. Ihre Namen sind auf einer Gedenktafel in der Kirche und auf dem Ehrenmal am Apfelmarkt verzeichnet.
Britische Besatzung, Inflation und Aufschwung
Am 9. November 1918 wurde Deutschland Republik. Anfang Dezember 1918 besetzte britisches Militär den Kreis Bergheim. Es blieb bis 1926. Das Militärregime war hart: Ausgehsperre für die Nacht, keine Autos für Deutsche, Schusswaffen mussten abgeliefert werden — viele vergruben sie stattdessen, was gefährlich war. Demütigend war eine weitere Anordnung: Deutsche Männer mussten vor alliierten Fahnen und Offizieren die Kopfbedeckung abnehmen. Schließlich kostete ein Pfund Butter Billionen Mark. Es gab Unruhen, Geschäfte und Höfe wurden geplündert. Ende 1923 kam es zu einem Streik im Braunkohlenrevier. Die Währungsreform und die Außenpolitik von Gustav Stresemann brachten dann die Wende. Von 1924 an ging es aufwärts.
Pastor Kastenholz und das große Fest
Im Juni 1919 war Eligius Kastenholz als Pastor in Büsdorf eingeführt worden. Er interessierte sich für die Geschichte seines Pfarrdorfes, erforschte die Dokumente über die Vergangenheit und wurde so zum Anreger des großen Jahrtausendfestes. 1926 wurde unter seinem Ehrenvorsitz und dem des Bürgermeisters Josef Buch (1919–1931) die St. Laurentius-Schützenbruderschaft gegründet. Das Fest fand am 3. und 4. Juni 1928 statt. An dem Festzug beteiligten sich 27 Einzeldarsteller und Gruppen in historischen Kostümen. Christian Hüppeler schrieb eine Festschrift. Das Fest war eine großartige Gemeinschaftsleistung der Büsdorfer. 1930 wurde das Ehrenmal am Apfelmarkt eingeweiht.
Programm des historischen Festzuges
Programm des historischen Festzuges zur Jahrtausendfeier Büsdorfs, 3. Juni 1928
Programm zum historischen Festzug zur Jahrtausendfeier Büsdorfs am Sonntag, den 3. Juni 1928. Ausgang 14 Uhr nachmittags vom Frohnhofe aus.
Wagen mit dem Hl. Laurentius
Wagen mit dem Hl. Laurentius im Festzug
Das Modell der alten Kirche
Das Modell der alten Kirche im Festzug
Erzbischof Wichfried und sein Gefolge
Erzbischof Wichfried und sein Gefolge im Festzug
Erzbischof Wichfried — der Aussteller der Urkunde von 927 — als Darsteller im Festzug 1928.
Die ersten Christen
Die ersten Christen im Festzug
Wie die Büsdorfer 1933 wählten
Während der Weimarer Republik hatten die meisten Büsdorfer ihre Stimme der Zentrumspartei gegeben. Auch die SPD hatte eine erhebliche Zahl von Wählern. Bei der Wahl vom 5. März 1933, die nicht mehr frei war, behielten sowohl Zentrum als auch SPD ihren Wählerstamm — die Stimmenzahl für die NSDAP verdoppelte sich jedoch durch höhere Wahlbeteiligung:
Wahl
Zentrum
SPD
KPD
DNVP
NSDAP
Gesamt
6.11.32
91
83
11
19
23
227
5.03.33
89
76
10
31
54
260
Die Gleichschaltung — Apfelmarkt wird „Adolf-Hitler-Platz“
Es gab nicht viele Anhänger der neuen Regierung im Dorf. Dennoch vollzog sich die Gleichschaltung rasch. In der ersten Sitzung der neugewählten Vertretung legte die gesamte Arbeiterliste ihre Mandate nieder — nicht ohne Druck. Der parteilose Bürgermeister Meul bat „aus Altersgründen“ um Ablösung. Am 1. Juni 1933 wählte die Restvertretung den Bürgermeister Simon von Bergheim zum Bürgermeister von Hüchelhoven — in Anwesenheit des neuen Landrates Otto Pieperbeck, der zugleich Kreisleiter der NSDAP war. Ende 1933 wurden die Gemeindevertretungen abgeschafft. Auch einige Straßen erhielten nationalsozialistische Namen: der Apfelmarkt wurde „Adolf-Hitler-Platz“ und die Kaulsgasse „Horst-Wessel-Straße“. Die anderen Straßen erhielten unpolitische Namen wie „Hauptstraße“ und „Fliestedener Straße“.
Die Schule in der Hitlerzeit
Lehrer Franz Petersohn war als Grenzlanddeutscher sehr nationalgesinnt. Da das Morgengebet durch die Regierung abgeschafft wurde, ließ er zum Unterrichtsbeginn patriotische Lieder singen — oft das „Reiterlied“ aus Schillers Wallenstein. 1938 wurde die Lehrerin, die die Schuljahre 1–4 unterrichtet hatte, nach Hüchelhoven versetzt. Nun musste Petersohn acht Schuljahre mit etwa 80 Kindern allein unterrichten — und ließ die unteren Klassen teilweise durch ältere Schüler beaufsichtigen. 1939 wurde der Religionsunterricht aus der Schule verbannt. Pastor Kastenholz gab seitdem sonntags nach der Andacht für die Kinder Christenlehre auf freiwilliger Grundlage. 1940 wurde Petersohn zur Wehrmacht einberufen. Nun musste Lehrer Bosbach von Fliesteden auch den Unterricht in Büsdorf übernehmen — mit nur wenigen Stunden am Tag.
37 Gefallene — und die Befreiung am 3. März 1945
Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Viele Männer aus dem Dorf wurden einberufen — 37 sind im Krieg gefallen oder vermisst. Im ersten Kriegswinter lag Einquartierung im Dorf. Die eingezogenen Männer wurden als Arbeitskräfte durch Kriegsgefangene ersetzt — zuerst Polen, später Serben. Pastor Kastenholz las sonntags für die Polen eine Messe; an ihr durften Deutsche nach behördlicher Weisung nicht teilnehmen. Im Sommer 1940 begann der Luftkrieg. Von 1942 an flogen Engländer und Amerikaner große Angriffe auf Köln — die Felder um Büsdorf waren oft von Brandbomben übersät. Glücklicherweise hat das Dorf selbst keine Schäden erlitten. Im Winter 1944/45 gab es erneut Einquartierung — diesmal Waffen-SS. Am 23. Februar 1945 begann die amerikanische Offensive an der Rur. Am 3. März eroberten die Amerikaner nach kurzem Gefecht unser Dorf. Kreisleitung der NSDAP und Landratsamt waren vorübergehend nach Büsdorf verlagert worden. Die Amerikaner setzten den Polizeibeamten Christian Rausch als Ortsvorsteher ein. Im Juli kam die britische Besatzung — sie war zurückhaltender als nach dem Ersten Weltkrieg.
Einwohner um 1940
~500
ca. 110 Einfamilienhäuser
Betriebe
~30 landwirtschaftl.
+ Handwerk und Geschäfte
Hauptarbeitgeber
Braunkohleindustrie
seit Ende 19. Jh.
Sprache
Niederrheinischer Dialekt
im Alltag und der Familie
500 Menschen, 110 Häuser, eine Gemeinschaft
Um das Jahr 1940 lebten in Büsdorf etwa 500 Menschen in ungefähr 110 Einfamilienhäusern. Die meisten Männer waren in der Braunkohlenindustrie beschäftigt. Es gab noch ca. 30 landwirtschaftliche Betriebe und einige Handwerksbetriebe und Geschäfte. Die Dorfleute kannten sich alle. Die meisten duzten sich. Viele Familien waren miteinander verwandt. Und fast alle Büsdorfer sprachen den Dialekt unserer Gegend — im Dialekt unterhielt man sich in der Familie und am Arbeitsplatz. Viele Ausdrücke für landwirtschaftliche Geräte und Arbeitsweisen sind noch heute unübersetzbar. In der Schule lernte der junge Büsdorfer Hochdeutsch — aber das waren nur acht Jahre, die nicht ausreichten, um eine vollständige Beherrschung unserer schwierigen Sprache zu ermöglichen.
Bescheidenes Leben — Selbstversorgung und Gemeinschaft
Man lebte damals recht bescheiden. Jeder Haushalt versorgte sich selbst mit Fleisch, Obst und Gemüse. Es gab überall einen kleinen Hof, in dem ein Schwein, Hühner und Kaninchen gehalten wurden. Viel Zeit wurde auf Gartenarbeit verwendet. Nach der Ernte gingen die Frauen auf das Feld, um zu „sümmern“ — sie hoben die Ähren auf, die liegengeblieben waren. Gebacken wurde noch in vielen Haushalten. Die Motorisierung steckte auf dem Land noch in den Anfängen. Es gab nur ganz wenige Automobile. Eine Fahrt nach Köln mit dem meist überfüllten Omnibus war ein Unternehmen — sie dauerte eine Stunde. Ferienreisen waren noch unbekannt. Viele Dorfbewohner halfen den Bauern bei der Ernte und bekamen als Lohn Deputate: Milch, Eier und ein Schwein.
Rodeln vom Mühlenberg und Baden im Weiher
Die Kinder suchten sich Spiele und Freizeitbeschäftigungen in der Natur. Im Sommer badeten die Jungen im Weiher an der Mühle. Zuweilen trafen sie dort auf Jungen aus Fliesteden — dann kam es rasch zu Auseinandersetzungen, auch mit Schimpfwörtern. Auf der Kirmes oder nach Fußballspielen fehlte es nicht an Schlägereien, besonders zwischen den Jungen aus verschiedenen Dörfern. Wenn im Winter Schnee lag, rodelte die Dorfjugend vom Mühlenberg herunter bis ins „Unterdorf“. Es gab ja kaum Verkehr, der die Rodler hätte gefährden können. Dann war auch wieder der zugefrorene Teich an der Mühle ein Anziehungspunkt. Sonst war Fußball die einzige Sportart, die den Büsdorfern offenstand. Am Sonntag bildete das Fußballspiel von „Blau-Weiß Büsdorf“ die Attraktion für die Männer und die Jugend des Ortes. Die Mädchen zeichneten Kästchen auf die Straße und hüpften, spielten mit Bällen, sprangen Seilchen oder spielten mit Murmeln und Puppen.
Namenstag, Erstkommunion und die Dialektverse der Messediener
Der Katholizismus der Büsdorfer war traditionell geprägt. Man feierte mit viel Gastlichkeit und Freude die Namenstage. Zum Namenstag wurden Gäste eingeladen; es gab Kaffee und Kuchen. Wichtig war auch die Feier der Erstkommunion, die am Weißen Sonntag stattfand. Am Gründonnerstag verstummten die Glocken — „Sie sind nach Rom geflogen“, sagte man den Kindern. Dann zogen Messediener mit Rasseln durch das Dorf. Wenn sie die Tageszeiten ankündigten, riefen sie im Dialekt:

„Ovends-Glock, de Kenger nom Bett“
Am Karsamstag zogen die Messediener mit großen Körben durch das Dorf und sammelten Ostereier:

„He kummen die Jonge, die jerasselt han,
die wellen och jern e Osterei han.“
Gemeinschaft in traurigen Stunden
Die Fronleichnamsprozession zog von der Kirche zur Kapelle am Bommerichshof, dann zum Kreuz an der Mühle, zur Kapelle der Gebrüder Strauss am Lerchenberg und zur Laurentiuskapelle am Apfelmarkt. An jeder der reich geschmückten Stationen wurde der Segen gegeben. Die Straßen waren mit Blumenteppichen und Blüten geschmückt. War jemand verstorben, so versammelten die Nachbarn sich im Trauerhaus, um zu beten. Die Nachbarn trugen den Verstorbenen zu Grabe. Aus jedem Haus ging ein Bewohner mit zur Beerdigung. Trotz mancher persönlichen Spannungen bildeten die Menschen in dem kleinen, verträumten Dorf eine Gemeinschaft.
Vertriebene aufgenommen
1947
in die Gemeinschaft integriert
Einwohnerzahl 1000
1978
nach Bau der Siedlung 1956
Eingemeindung zu Bergheim
1. Jan. 1975
Ende der Bürgermeisterei Hüchelhoven
Landtagswahl 1980
SPD 370 · CDU 186
bei 593 gültigen Stimmen
Vertriebene, Siedlung und 1.000 Einwohner
Im Jahr 1947 kamen viele Vertriebene in unseren Ort. Sie wurden von den Büsdorfern aufgenommen und sind hier heimisch geworden. 1956 erbaute die Gemeinnützige Siedlungsgemeinschaft auf Grundstücken an der Straße nach Oberaußem ca. 40 Häuser. Die neuen Straßen erhielten Namen aus der Vogelwelt und Blumennamen. Heute heißt dieser Bereich „Im Park“. Die Altbüsdorfer nannten die neuen Straßen „die Siedlung“. Es hat eine Zeitlang gedauert, bis Alt- und Neubüsdorfer miteinander vertraut wurden. Erst in den 70er Jahren wuchs das Dorf weiter — 1978 wurde die Einwohnerzahl 1.000 erreicht. Büsdorf erhielt 1960/61 Kanalisation, 1963 eine neue dreiklassige Schule, 1966 einen neuen Sportplatz, 1967 einen kommunalen Friedhof und dann auch ein Feuerwehrgerätehaus.
Das Unwetter vom 8. Juli 1970
Am 8. Juli 1970 brach ein schweres Unwetter über den Ort herein. In einer Stunde fielen 100 Liter Wasser pro m² — das entspricht einem Siebtel der Niederschlagsmenge im ganzen Jahr. Der Sturzregen schwemmte Erdmassen aus den höhergelegenen Feldern in den Ort. Hauskeller und Häuser an der Fliestedener Straße und an der Adolf-Kolping-Straße wurden von Wasser und Schlamm überflutet. Das Unwetter ereignete sich, während in der Pfarrkirche Weihbischof Cleven den Kindern das Sakrament der Firmung spendete. Nach der Katastrophe nahm der Gemeinderat ein umfangreiches Programm zum Schutze des Dorfes gegen Unwetter in Angriff. So wurden mehrere Wasserrückhaltebecken erbaut.
Berufsstruktur, Schule und Eingemeindung 1975
Bis um 1960 war die Büsdorfer Schule zweiklassig. 1963 wurde eine neue dreiklassige Schule eingeweiht. 1966 setzte die Ära der Schulreformen ein — zunächst wurden die Schuljahre 7 und 8 an die Mittelpunktschule Niederaußem abgegeben. 1968 wurde die Schule geschlossen: für die Gemeindevertreter ein schwerer Entschluss, aber unvermeidlich. Seitdem besuchen die Kinder die „Odilia-Weidenfeld-Schule“ in Hüchelhoven oder die Grundschule in Oberaußem. Auf die Schulreform folgte die kommunale Gebietsreform. Die Gemeinde Hüchelhoven kam am 1. Januar 1975 zur Stadt Bergheim. Dabei wurden historische Straßennamen berücksichtigt: Ursulastraße, Kasterstraße. Vielfältiger als in der Vorkriegszeit ist die Berufsstruktur der Büsdorfer. Viele sind in Kölner Betrieben beschäftigt, die Mehrheit aber weiterhin bei Rheinbraun oder dem RWE. Die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe ist auf 14 gesunken. Politisch orientiert sich die Mehrheit der Büsdorfer seit 1948 zur SPD.
Schützenfest in Büsdorf 1976
Schützenfest in Büsdorf 1976. Foto: Heinz Krohn
Feuerwehr, Männergesangverein, Schützen und Fußball
Die Freiwillige Feuerwehr bestand schon vor dem Ersten Weltkrieg und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bald wiedergegründet. Seitdem haben sich stets mehr als 20 Männer aus dem Dorf unter dem Brandmeister zusammengefunden. Ihr Wahlspruch lautet: „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr.“ Der Männergesangverein Cäcilia Büsdorf ist der älteste Ortsverein. Im Mai 1973 beging er unter großer Anteilnahme der Büsdorfer die 100. Wiederkehr seiner Gründung. Sein Gegenstück im kirchlichen Bereich ist der Kirchenchor, gegründet 1961. Die St. Laurentius-Schützenbruderschaft veranstaltet jedes Jahr am ersten Wochenende im Juli das Schützenfest mit Festzug und Königs-Ball. Der „Fußball-Club Blau-Weiß Büsdorf“ wurde 1963 neugegründet — die Büsdorfer spielen sonntags auf dem Sportplatz in der Nähe des Hüttenhofes. Seit einigen Jahren feiern die Büsdorfer den „Fastelovend“ mit einem Karnevalszug am Karnevalssonntag und Bällen auf dem Prälat-Kastenholz-Platz.
Pfarrheim 1977 und das religiöse Leben
Seit 1980 ist der Pfarrer von St. Pankratius Glessen, Ulrich Katzenbach, zugleich Pastor von St. Laurentius Büsdorf. Die Kirchengemeinde unterhält den Kindergarten, der 1970 im Gebäude der ehemaligen Schule Platz gefunden hat. Zentrum des Lebens in der Pfarre ist das Pfarrheim, das 1977 erbaut worden ist — mit seiner Fertigstellung ging ein langjähriger Wunsch von Prälat Kastenholz in Erfüllung. Im Pfarrheim treffen sich wöchentlich Jugendgruppen und die Büsdorfer Senioren. Die ungefähr 300 evangelischen Christen in Büsdorf gehören zur Kirchengemeinde Niederaußem. Das Verhältnis zwischen den Angehörigen beider Bekenntnisse ist von dem Geist christlicher Eintracht geprägt.
Quelle: Urkunde des Erzbischofs Wichfried von Köln, 29. Juli 927 · Ortsgeschichte Büsdorf · buesdorf-2013.de